01.04.2025

Deutscher Rechenzentrumsmarkt

Unterschätzt und unverzichtbar

Patrick Brinker, Head of Real Estate Investment Management (REIM), Hauck Aufhäuser Lampe Privatbank AG
Patrick Brinker

Deutschland hat das Potenzial, Europas führender Standort für Rechenzentren zu werden. Wer jetzt investiert, kann den Standort langfristig stärken – und selbst erheblich profitieren.

Ob Automobilindustrie, Pharma, Elektrotechnik oder Maschinenbau – in zahlreichen Bereichen gehörte Deutschland jahrzehntelang zu den führenden Nationen. Doch die Digitalisierung wurde weitgehend verschlafen und nun hechelt das Land bei Entwicklungen wie E-Mobilität oder KI hinterher. Jüngstes Beispiel: Die USA wollen 500 Mrd. US-Dollar in den kommenden Jahren in Infrastruktur für moderne Technologien investieren, sprich: in Datencenter. Auch wenn das bislang nur eine Ankündigung ist, droht Deutschland auch bei dem Thema Rechenzentren den Anschluss zu verpassen. Dabei sind Rechenzentren der Motor der Digitalisierung und zentral für technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum. Ohne sie läuft in einer zunehmend digitalisierten Welt so gut wie nichts.

Um den Anschluss nicht zu verlieren, muss Deutschland in den kommenden Jahren erheblich in den Ausbau von Datacenter investieren. Der Bedarf ist dabei enorm: Nach Prognosen des IT-Verbands Bitkom wird die IT-Anschlussleistung deutscher Rechenzentren von derzeit 2,7 Gigawatt bis 2030 auf 4,8 Gigawatt steigen, was einem Kapazitätszuwachs von rund 75 Prozent entspricht. Grund ist zum einen Deutschlands großer Nachholbedarf in puncto Digitalisierung. Zum anderen befeuern Megatrends wie Cloud-Computing, autonomes Fahren, das Internet der Dinge oder KI die Nachfrage zusätzlich.

Für Investoren sind das erfreuliche Nachrichten. Denn Datacenter sind in Deutschland noch immer unterbewertet. Vieles spricht dafür, dass sich der Markt in den nächsten Jahren als wichtigster und größter Markt für Rechenzentren in Europa etablieren wird. Schließlich bietet der Standort Deutschland zahlreiche Vorteile gegenüber anderen Ländern. So zeichnet er sich durch eine geringe Anfälligkeit für Naturkatastrophen und extreme Wetterlagen aus. Zudem gehört die Bundesrepublik zu den führenden Ländern im Bereich Datenschutz. Die strengen Vorgaben der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) bieten Unternehmen einen verlässlichen rechtlichen Rahmen für die sichere Speicherung und Verarbeitung sensibler Daten.

Vielfältige Standortvorteile

Auch im europäischen Vergleich bietet Deutschland Standortvorteile: beispielsweise die zentrale Lage in Europa. Mit dem DE-CIX in Frankfurt – einem der größten Internetknoten der Welt – und vier weiteren internationalen Internet-Exchange-Points gehört Deutschland zu den wichtigsten Drehkreuzen des globalen Datenverkehrs. Zahlreiche Backbone-Leitungen verlaufen durch das Land und garantieren eine optimale Anbindung an andere europäische Märkte. Diese Nähe zu Millionen von Nutzern ermöglicht eine Datenübertragung mit minimaler Latenzzeit. Gerade für Cloud-Dienste, Anwendungen im Bereich Internet der Dinge oder autonomes Fahren ist dies unablässig, weshalb der geografische Vorteil Deutschlands auch langfristig entscheidend bleiben dürfte.

Ein weiterer Vorteil Deutschlands gegenüber seinen Nachbarn ist die polyzentrische, diversifizierte Wirtschaftsstruktur. Anders als in Großbritannien oder Frankreich, wo sich die Nachfrage im Wesentlichen auf die Hauptstädte konzentriert, verteilt sie sich in Deutschland auf viele wirtschaftlich starke Regionen. Standorte wie Berlin, München, Hamburg, Stuttgart oder das Rhein-Main-Gebiet bieten jeweils eigene wirtschaftliche Schwerpunkte. Diese Vielfalt sorgt für eine breite Nachfragebasis über ganz Deutschland verteilt. Nicht zu vergessen das Rheinische Revier, eine im Strukturwandel befindliche Region mit sehr guter Netzinfrastruktur und damit guten Voraussetzungen für die Ansiedlung von Rechenzentren.

Nicht zuletzt wächst die Bedeutung von Rechenzentren durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz als Treiber von Innovation und Wertschöpfung in der deutschen Wirtschaft. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln kommt zu dem Ergebnis, dass Unternehmen, die KI einsetzen, innovativer und produktiver sind als Unternehmen, die nur auf eine lokale IT-Infrastruktur im eigenen Unternehmen setzen. Laut der Studie ergibt sich durch Einsatz von KI und der dahinter stehenden Rechenzentrumsnutzung eine zusätzliche Bruttowertschöpfung im Jahr 2023 von rund 250 Milliarden Euro für die deutsche Volkswirtschaft.

Ausländische Investoren bereits aktiv

Bislang zeigen vor allem ausländische Investoren Interesse am Rechenzentrumsstandort Deutschland. Sie haben die strategische Bedeutung des Standorts und sein Wachstumspotenzial frühzeitig erkannt, während viele deutsche Kapitalgeber noch zögern. Ein Grund hierfür dürfte die Risikoaversion deutscher Investoren sein. Traditionell verhalten sie sich eher zurückhaltend und warten ab, bis sich neue Märkte und Assetklassen bewährt haben. Dieses Vorgehen ist je nach Investmentstrategie sinnvoll. Aber mit Blick auf Investitionen in deutsche Rechenzentren erscheint es ratsam diese Position zu überdenken, denn das Rendite-Risiko-Profil gilt hier als äußerst attraktiv. Sowohl opportunistische- als auch risikoaverse Investoren können von der Stabilität des Marktes und seinen enormen Wachstumsaussichten profitieren.

Fest steht: Die Digitalisierung gehört zu Deutschlands größten Herausforderungen und Chancen zugleich. Der Bedarf an leistungsfähigen Rechenzentren ist immens – und er wird künftig noch weiter wachsen. Wenn wir es schaffen, der enormen Nachfrage nachzukommen, könnte sich der Markt für Rechenzentren zu einem der bedeutendsten Treiber der deutschen Wirtschaft entwickeln. Es gilt, diese Chance nicht zu verspielen, sondern die digitale Zukunft aktiv mitzugestalten – für ein wirtschaftlich starkes, technologisch souveränes und international wettbewerbsfähiges Land. Davon profitieren nicht zuletzt die Investoren selbst, denn kaum eine andere Assetklasse bietet aktuell so attraktive Chancen.

Die Nutzungsrechte wurden The Property Post zur Verfügung gestellt von Hauck Aufhäuser Lampe
Erstveröffentlichung: Börsenzeitung, März 2025

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